Reihe Europa erlesen: Der slowenische Autor Aleš Šteger zu Gast in der Botschaft des Westens

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Europa erlesen - Ales Steger - 00
27. Oktober 2021

Liebe ist eine kleine Katze, die Wasser trinkt aus einer Schale mit Sprung

Reihe Europa erlesen: Der slowenische Autor Aleš Šteger zu Gast in der Botschaft des Westens

In unserer Reihe Europa erlesen war der slowenische Dichter, Schriftsteller, Lektor und Journalist Aleš Šteger in der Landesvertretung zu Gast und las aus seinen Prosa- und Lyrikwerken. Begleitet wurde er vom Akkordeonisten Jure Tori. Durch den Abend führte Michael Serrer vom Literaturbüro NRW.

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Logbuch der Gegenwart

Wenn der Schriftsteller mit einem leeren Blatt und einer neuen Schreibdatei beginnt, steht ihm eine schier unendliche Fülle von Themen zur Verfügung, über die er schreiben kann. Auch befindet er sich selbst in ganz unterschiedlichen persönlichen Lebenssituationen und kann mit einem zunächst endlichen Vorrat an Wortschatz und Grammtik unendlich viele Sätze bilden. Um diese Freiheit zu formen, hat sich Aleš Šteger für sein Buchprojekt Logbuch der Gegenwart drei einfache Regeln gegeben oder, wie er sagt, „ein Spiel ausgedacht“. Erstens: Er schreibt einmal im Jahr einen Text. Zweitens: Dieser entsteht an einem Ort, der ihn emotional und innerlich anspricht. Ohne akribische Vorbereitung und Recherche bereist er diesen Ort und lässt unbefangen den Augenblick auf sich wirken. Drittens: Den Ort, ein öffentlicher Raum, der eine lebhafte, aber unberechenbare Geschichte erzählt, lässt er auf sich wirken. Gleichsam ein äußerlicher Inkubationsreiz: Menschen, Dinge, Geschehnisse auf sich zukommen lassen. Der Autor gibt sich an einem einzelnen Tag zwölf Stunden Zeit, um den Text zu verfassen. Und dieser Text geht unmittelbar an den Verlag für eine rasche Publikation. Eine spätere Überarbeitung ist ausdrücklich nicht vorgesehen. Das Spontane, Unmittelbare soll erhalten bleiben. Gleichsam wie ein Journalist muss der Text am Ende des Tages abgeliefert werden, ohne auch nur im Ansatz journalistisch zu sein. Dazu entstehen Fotos, weder dokumentarisch noch künstlerisch, Schnappschüsse eher, die mit einer bildlichen Dimension die Sprache begleiten.

Im August 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, trifft Šteger in Belgrad auf Kinder, die es teils in Begleitung Erwachsener, teils auch auf sich allein gestellt entlang der Balkanroute nach Deutschland schaffen wollen. Er trifft auf Menschen, die sich im Brunnen waschen. Man stammelt auf arabisch und in gebrochenem Englisch. Rucksäcke, Schlafsäcke, Müllberge. Eine Insel aus versengtem Gras vor dem Busbahnhof in der Augusthitze. Währenddessen wird der Tunnel unter dem Ärmelkanal zur Festung, 2000 Menschen abgedrängt, und Ungarn baut einen Zaun. Weltpolitik und Schicksale unter dem Brennglas.

In Bautzen/Budyšin ergeben sich im April 2019 zunächst ungeahnte Variationen über die Farbe Gelb, die sich bald in herumliegenden Alltagsgegenständen offenbart, bald synästhetisch im Zwitschern der Vögel zeigt. Unvermittelt entspinnt sich ein Dialog mit Helmut, einem Straßenreiniger aus Süddeutschland, der der Liebe wegen in der Oberlausitz hängen blieb. Es geht wild und doch an diesem Ort verschränkt um Neonazis, Asylbewerber, das Gefängnis Bautzen I, Soldatengräber, Napoleon. Der Autor trifft auf Róža, eine lausitzer Sorbin, die die Unterdrückung des 19. un d 20. Jahrhunderts Revue passieren lässt. Es geht um ausgelöschte Dörfer, internationale Unternehmen, die alles aufkaufen, das Bergbauschutzgebiet, Mondlandschaften. Gott schuf die Lausitz, sagt sie, doch dann legte der Teufel Kohle unter das Land. Die Sorben hatten nie einen Staat oder eigene Grenzen und haben nie einen Krieg geführt. Auf Sorbisch gibt es kein Wort für Feind oder Sieger. Und anders als im Deutschen ist ein Diminutiv im Sorbischen immer etwas Positives. Manchmal ermöglicht wohl eine kleine Sprache, eher etwas zu verstehen, als eine große, meint Šteger.

In Ljubljana, seiner ersten Schreibstation im Dezember 2012, nahe dem prophezeihten Weltende, hatte sich Šteger vorgenommen, das Treiben auf den Straßen aus einem Schaufenster heraus schreibend zu beaobachten. Als ein politische Demonstration gegen die Regierung den Platz füllt, fühlt er sich jedoch am falschen Ort, verlässt die kontemplative Kammer mit Glasfenster und mischt sich unter die Menschen. Der literarische Ertrag sind am Ende Briefe, kuriose teils. Einer richtet sich an die Mütter von slowenischen Dichtern, ein anderer geht an die Müllsäcke und Mülleimer im slowenischen Parlament. Ein weiterer Brief wendet sich an die Fingerabdrücke auf Banknoten, und einer an den Besen, mit dem man Hexen jagt. Der letzte schließlich ist an seinen Sohn gerichtet und enthält Wünsche an dessen offene Zukunft verquickt mit Rückblicken auf den Großvater. Denn dieser war ausgerechnet: Schaufensterdekoratuer.

Im zweiten Teil las, rezitierte, tanzte, wisperte, rief, spielte und verkörperte Šteger Verse aus seinem Lyrikband Über dem Himmel unter der Erde. Und dies in enger Zwiesprache mit der von Jure Tori kongenial beigesteuerten Musik. Aus seinem Akkordeon flossen rezitative Motive, von hauchendem Pianissimo anschwellend bis zu gellendem dreifachen Forte. Über sattem ostinaten Bass mischten sich Akkordballungen, flüsternde Tonfragmente, zagende Sekundschritte, beinahe selbst Wörter bildende Floskeln, mit der Sprache des Dichters. Regelrecht liedhaft wurde es, Šteger ins Slowenische wechselte. Man erfühlt Lyrik als Verschränkung von Musikalität und Sinn. Zagend, einzelne Worte wiederholend sucht Šteger nach der Bedeutung des Wortes Liebe. Die Musik sucht mit, und sie finden ein kleines Kätzchen, das Wasser trinkt aus einer Schale mit Sprung. Während dann das Akkordeon mal scheichelnd, mal gellend, dann wieder triumphal schmetternd oder lyrisch eine Weise erzählend, bald tanzend und swingend seine Stimme erklingen lässt, spricht, ja betet der Autor ein erschütterndes Mutter unser über Schmerz und Gewalt, Tod und die Schicksalhaftigkeit des Seins. Und wir spüren: Dies Unmittelbare, diese fühend-denkende Begegnung mit dem, was nur die Kunst auszudrücken vermag, haben wir während der Pandemie vermisst. Wir sind froh, in der Botschaft des Westens so wieder mit unseren Gästen zusammen kommen zu können.

Zum Autoren

Aleš Šteger wurde 1973 in dem an der Drau gelegenen Städtchen Ptuj – damals Jugoslawien, heute östliches Slowenien – geboren. Über seine Heimat sagt er: „In dem Dorf im Osten Sloweniens, in dem ich aufgewachsen bin, ist alles eine Grenze. Man fährt 30 Kilometer weit und niemand spricht mehr seine Sprache. Hier treffen das Slowenische, das Deutsche, das Kroatische und das Ungarische aufeinander, aber auch andere Kulturen, Sprachen, Traditionen und Ängste. Soweit ich zurückblicke, war Sprache für mich nie etwas Selbstverständliches. Sprache ist nicht nur ein Werkzeug. Man muss ständig nach der Sprache suchen, sich aktiv um sie bemühen. Die Sprache ist der Schlüssel, und die Suche nach ihr ist immer unvorhersehbar, manchmal sogar gefährlich, und immer eng mit meinem Schicksal verbunden.“ In Ljubljana studierte er Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaft. Als Lyriker trat er erstmals 1995 mit dem Gedichtband Šahovnice ur in Erscheinung und hat seitdem sowohl Lyrik wie auch Romane verfasst, die unter anderem auch ins Deutsche übersetzt wurden.

Zum Akkordeonisten

Jure Tori (*1975) ist weit über die Grenzen seines Landes als "Ausnahmeakkordeonist“ und „Märchenerzähler auf dem Akkordeon“ bekannt. Seit über 20 Jahren bespielt er verschiedenste Stilrichtungen, vom Tango über Jazz bis zu Ethno und Hardrock. Er hat einen eigenen Stil entwickelt, dem er in seinen Kompositionen treu bleibt: Einmal melancholisch, dann wieder lebhaft und heiter. Er hat an über 20 CDs mitkomponiert und mitgespielt. Im deutschsprachigen Raum tourte er in den letzten Jahren vor allem mit dem österreichischen Kontrabassisten Ewald Oberleitner, in Slowenien mit der legendären Rocktrash-Band Orleki

Europa erlesen

In Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Internationales des Landes Nordrhein-Westfalen führt das Literaturbüro NRW diese erfolgreiche Reihe durch, in der renommierte europäische Autorinnen und Autoren auftreten. Sie lesen aus ihren aktuellen Werken und diskutieren über zentrale europäische Fragen. Die Autorengespräche und anschließende Diskussionsrunden moderiert Michael Serrer.
 

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